Kollabiert das Tutoriensystem an der TU Berlin?

Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Technischen Universität Berlin kritisiert vakante Tutor*innen-Stellen zum Beginn des Wintersemesters. Durch die Unterbesetzung verschlechtern sich die Studienbedingungen für tausende Studierende.

In der letzten Woche zeigte es sich wieder akut: Die TU Berlin hat immer größere Schwierigkeiten, Tutor*innen-Stellen angemessen zu besetzen. Das führt zu überfüllten Tutorien und dauerhaft überlasteten Tutor*innen. So müssen aktuell 30 Tutor*innen im Grundlagenfach „Analysis I für Ingenieurswissenschaften“ über 3300 Studierende betreuen. Überrascht vom Andrang an neuen Studierenden verordnete das Mathematik-Institut seinen studentischen Beschäftigten, zusätzliche Tutorien zu übernehmen – bei gleichem Monatslohn und ohne Freizeitausgleich! Der AStA schätzt, dass dadurch die Arbeitszeit für die eingesetzten Tutor*innen um bis zu 30 Prozent über dem normalen Arbeitspensum liegt.

Dazu bemerkt der AStA:

Die TU bekommt ihre Tutor*innen-Stellen nicht mehr voll. Darunter leidet die Lehre. Denn individuelle Hilfestellung ist bei über 100 Studierenden pro Tutor*in kaum noch möglich.

Indem die Last spontan auf weniger Schultern verteilt wird, kann gute Arbeit als Tutor*in nicht mehr vereint werden mit eigenem Studium, Familie, ehrenamtlichem Engagement und anderen Jobs.

Dieser Zustand ist nicht haltbar. Die TU muss einen Weg finden, eine verlässliche Versorgung mit Tutor*innen für alle Veranstaltungen sicherzustellen. Sonst will nächstes Jahr niemand mehr Tutor*in an der TU Berlin sein und übernächstes Jahr niemand mehr hier studieren.

Hintergrund

Tutorien: Besonders in den Grundlagenveranstaltungen wird ein sehr großer Teil der Lehre an der TU Berlin durch studentische Beschäftigte gestemmt. Als Tutor*innen halten sie Übungen in Kleingruppen und bereiten diese vor, stellen und korrigieren Hausaufgaben, bieten Sprechstunden an und betreuen Experimental-Praktika sowie Hausaufgaben-Bearbeitungen.

Personalmangel: Viele Fächer sind mit einer Tutor*innen-Unterdeckung ins Wintersemester 2015 gestartet und müssen im laufenden Semester versuchen, freie Stellen noch zu besetzen. Das Mathematik-Institut zum Beispiel teilte mit, man habe deutlich weniger Interessierte für Tutor*innen-Stellen gewinnen können als in den Vorjahren. Regelmäßig müssen Ausschreibungen aufgrund mangelnder Bewerbungen mehrfach verlängert werden.

Bewerbungslage: Aus Sicht des AStA hängt die schlechte Bewerbungslage damit zusammen, dass der Stundenlohn für Tutor*innen in Berlin seit 2001 konstant bei 10,98 Euro geblieben ist. Angesichts steigender Lebenshaltungskosten brauchen Studierende heute deutlich attraktivere Jobs und finden diese eher außerhalb der Hochschule.

Tarifvertrag: Der Berliner Tarifvertrag für studentische Beschäftigte (TVStud II) ist deutschlandweit der einzige Tarifvertrag für Studierende an Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Er wurde 1985/86 durch einen mehrwöchigen Tutor*innenstreik erkämpft. Der TVStud regelt zum Beispiel die monatliche Mindestarbeitszeit von 40 Stunden, den Stundenlohn von 10,98 Euro sowie die Mindestvertragslaufzeit von 4 Semestern. Die Hochschulen profitieren von Planungssicherheit und deutlich weniger Verwaltungs- und Einarbeitungsaufwand für studentisch Beschäftigte, als das bei ungeregelten Vertragsverhältnissen der Fall wäre. Der TVStud II ist seit 2003 nicht mehr verbessert worden. 2003 erfolgte eine einseitige Kürzung des Weihnachtsgeldes durch die Arbeitgeber. Eine Initiative zur Überarbeitung des Tarifvertrags verlief 2011 ergebnislos.