Neuerwerbungen der Bibliothek

Im September 2000 wurde der Blumenhändler Envar Simsek, der Vater von Semiya Simsek mit einem Kopfschuss erschossen. Die Familie wird von der Polizei verhört, immer wieder und auf aggressive Weise, beschattet und abgehört, und der ganze Stadtteil glaubt, sie ist in kriminelle Machenschaften verstrickt. 11 Jahre später kam die Wahrheit ans Licht, die ihr das Leben nicht einfacher machte: "Mein Vater musste sterben, weil er schwarze Haare und eine dunklere Haut hatte als seine Nachbarn, weil auf seinem Auto ein nichtdeutscher Name stand - er musste sterben, weil er ein Türke war."

Semiya Simsek findet in Schmerzliche Heimat klare Worte angesichts der Ignoranz und der von rassistischen Stereotypen geleiteten Ermittlungen der Polizei, der verharmlosenden Berichterstattung und der nach wie vor schleppenden Aufklärung der Taten (und Täterzusammenhänge) des NSU. Ein Buch das gesellschaftliche Veränderung einfordert, die bislang ausgeblieben sind.


Der Feminismus wird nicht mehr gebraucht, er war ein Fehler oder erfolgreich, je nachdem, wer gerade lügt: Wie für viele soziale Fragen gibt es, wenn man dem Quatsch glaubt, der täglich überall erzählt wird, auch für das Problem, das der Feminismus lösen wollte, inzwischen individuelle Lösungen, weswegen die politischen und sozialen sich erübrigen sollen.

Statt »Kinder, Küche, Kirche« sollen Mädchen und Frauen auf »Kreativität, Karriere, Konkurrenz« setzen. Es ist aber bloß der alte Dreck, der Menschen nicht nur, aber auch nach Geschlechtern sortieren soll, damit das blöde Spiel von Ausgrenzung, Ausbeutung, Vorrechten und Benachteiligung weitergeht.

Wie das geht und was dagegen nötig wäre, erzählt Barbara Kirchner in ihrem Essayband Dämmermännerung. Neuer Antifeminismus, alte Leier."

(abgeschrieben aus konkret 6/2014)


Zum Jahrestag des "Ausbruchs" des Ersten Weltkriegs (als ob ein solcher eine unberechenbare Naturgewalt, einem Vulkan gleich, wäre und nicht menschengemacht) läuft die politische und mediale Gedenkmaschinerie, wie üblich bei derlei Jahrestagen, heiß. Nicht ohne - auch das ist üblich - Deutschland und seine katastrophenreiche Geschichte am Ende wieder ein bisschen reingewaschener da stehen zu lassen.

Publizistische Avantgarde ist dabei kein deutscher, sondern ein australischer Historiker, dessen vorangegangene Bücher über Preußen und Willhelm und sowas bereits ihre Marktfähigkeit allein dem deutschen Publikum zu verdanken hatten. Christopher M. Clark weiß was er diesem schuldig ist und beweist in "Die Schlafwandler", dass eigentlich alle beteiligten gleich (un-)schuldig am Weltkrieg waren, auch Schland. Herfried Münkler dagegen, Geschichtsprof an der HU und Bundeswehrfreund, weiß wer Schuld war, nämlich der Kronprinzentsorger von Sarajevo. Nebenbei verharmlost er in "Der große Krieg" den zeitgenössischen deutschen Militarismus, leugnet den Völkermord der Türken an den Armeniern und erfindet ein paar neue deutsche Opfermythen mit Hilfe der - nun ja, sagen wir fragwürdigen - Zahlen des Reichsgesundheitsamtes.

Damit wir nicht dumm bleiben, haben auch wir uns Lektüre zum Thema des Jahres besorgt:
Griff nach der Weltmacht, ein Buch mit dem der Historiker Fritz Fischer schon 1961, in bleierner Nachkriegzeit, ein verzerrtes Geschichtsbild der Deutschen angriff, das heute wieder salonfähig zu werden scheint und, neu erscheinen, Basiswissen Geschichte: Deutschland und der Erste Weltkrieg von Gerd Fesse (PapyRossa-Verlag).

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