Ein Campus für alle – Offener Brief der Studierenden an das Präsidium der TU Berlin

Sehr geehrter Herr Präsident Thomsen,

studentisches Engagement stellt für die TU Berlin nicht nur einen Imagefaktor dar, sondern ist grundsätzlich ein wichtiges und schützenswertes Gut. Wir, engagierte Studierende aus den verschiedensten Initiativen und Gruppen der TU Berlin, wenden uns mit diesem Brief an Sie, weil wir unsere Tätigkeit durch die derzeitige Raumvergabepraxis des Präsidiums bedroht sehen. Ehrenamtliche und nicht kommerzielle Veranstaltungen können nicht mehr stattfinden, weil Räume und Flächen nicht mehr kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Wir fordern von Ihnen, sich endlich die Zeit zu nehmen, sich mit den Belangen der größten Statusgruppe dieser Einrichtung ernsthaft auseinander- und sich aktiv für sie einzusetzen.

Was ist die Universität für ein Ort? Welchen Sinn hat sie und welches Ziel verfolgt sie? Die zunehmende Privatisierung und Ökonomisierung macht auch vor den Toren dieser Institution nicht halt. Haushaltskürzungen und Outsourcing sind längst harter Alltag. Projekte und Mitarbeitende werden immer öfter dem neoliberalen Diktat unterworfen und alles, was hier passiert, soll einen wirtschaftlichen Nutzen haben. Der Campus – ein potenzieller Ort des freien Austausches von Ideen und des Experimentierens mit selbstorganisierten, nicht-kommerziellen Lern- und Lebensformen – wird zur Lernfabrik reduziert. Für die Studierenden bedeutet dies, dass immer weniger Möglichkeiten bleiben, die Universität als Teil der Gesellschaft zu begreifen und zu gestalten.

Die Vielfalt studentischer Gruppen an der TU Berlin macht diesen Campus zu einem lebendigen Ort der Toleranz und Verständigung. Doch eine an Marktprinzipien organisierte Universität kann wohl nur das als wertvoll erachten, was sich in bare Münze umrechnen lässt.

Für die Nutzung der Räume außerhalb der offiziellen TU-Öffnungszeiten sollen jetzt Miete und sogenannte "zusätzliche Kosten" in drei- bis vierstelliger Höhe entrichtet werden. Insbesondere die Durchführung von Fachschaftstagungen, bei denen sich Studierende eines Fachgebiets aus verschieden Städten treffen, um sich über ihre hochschulpolitische Arbeit auszutauschen, sind davon potentiell betroffen.

Veranstaltungen mit internationalem Charakter müssen oft an Wochenenden stattfinden, damit Referent*innen und Gästen die Teilnahme trotz langer An- und Abreisezeiten möglich ist. Eine von kurdischen und türkischen Studierenden organisierte Informationsveranstaltung zur Opposition in der Türkei musste aufgrund der entstehenden Kosten bereits abgesagt werden. Für eine Ausstellung des AStA zum NSU-Komplex wurden zunächst mehrere Tausend Euro in Rechnung gestellt und nur nach wochenlanger Diskussion wurde eine kostenlose Nutzung von Flächen im Hauptgebäudes zugestanden.

Auch Kongresse, wie etwa der Recht-auf-Stadt-Kongress oder der Antifa-Kongress (beide im Jahr 2014), Veranstaltungen bei denen Studierende und Nicht-Studierende, Expert*innen und Interessierte zusammenkommen, um über wesentliche gesellschaftliche Fragen zu diskutieren, gehören mit der neuen Finanzierungsregelung ebenfalls der Vergangenheit an. Dies wird auch den Student Congress Sustainable University, der vom 5. bis 7. Juni 2015 an der TU stattfinden soll, betreffen. Auch hier verlangt die TU viel Geld zur Bereitstellung der Räume von den Organisatoren – einer studentischen Projektwerkstatt der TU.

Werbekunden und Drittmittelpartner verfügen über Budgets, aus denen sie die hohen Raumbuchungskosten bezahlen können. Unabhängige und ehrenamtliche studentische Zusammenschlüsse und Gruppen jedoch besitzen meist keine oder nur geringe finanzielle Ressourcen und werden so aus der Universität ausgeschlossen. Der AStA möchte weiterhin eigene Veranstaltungen durchführen und Veranstaltungen engagierter Studierender durch Raumbuchungen unterstützen. In der aktuellen Situation wäre dies aber nur durch eine enorme Erhöhung der Studierendenbeiträge möglich. Dies wäre nichts anderes als eine Umverteilung von Geld der Studierendenschaft in den Haushalt der Universität – und kommt somit indirekten Studiengebühren gleich.

Sie sind der erste Präsident dieser Universität, der Studierende für die Nutzung von Räumen und Flächen zahlen lässt, und wir weigern uns diesen Kurswechsel stillschweigend hinzunehmen.

Wir fordern Sie deshalb auf, folgende Forderungen gemeinsam mit uns umzusetzen:

  • Kostenlose Zurverfügungstellung und Nutzung von Räumlichkeiten der TU Berlin durch die verfasste Studierendenschaft, studentische Initiativen und Fachschaftsinitiativen sowie andere nicht kommerzielle Studierendengruppen – sowohl an Wochentagen, wie auch an Wochenenden, Feiertagen und in den Abendstunden.
  • Kostenlose Nutzung von Gebäude- und Außenflächen für Infostände, Veranstaltungen, Ausstellungen, Versammlungen usw. durch die verfasste Studierendenschaft, studentische Initiativen und Fachschaftsinitiativen sowie andere nicht kommerzielle Studierendengruppen – sowohl an Wochentagen, wie auch an Wochenenden, Feiertagen und in den Abendstunden.
  • Zutritt für Nicht-TU-Mitglieder zu diesen Veranstaltungen.
  • Bis zum Beschluss dieser Forderungen eine großzügige Auslegung der bestehenden Regelung, wie Sie bis vor Ihrer Amtszeit üblich war.

Unterzeichner*innen

Amnesty International Hochschulgruppe TU Berlin
Animal Uni
AStA TU Berlin
BauInX
BLuB
Blue Engineering
Café A
Café Erdreich
Café Shila
EB104
Fachschaft Geotechnologie
Fachschaftsteam
Freitagsrunde
Grüne Hochschulgruppe an der TU Berlin
Ini Chemie
Ini Physik
i-Café
Juso Hochschulgruppe an der TU Berlin
KultIni
Langzeitstudis gegen Studiengebühren
Linke Liste
Marxistisch Luhmannistische Bildungsbrigade
Mathe Ini
Projektwerkstatt PWhoch2
SozIni
Sputnik
Studentischer INItiativen Keller
tu-ess foodcoop
ultras niklas luhmann
UTEX
Zwille