Unser Beitrag zum Tag der Lehre: Die Lehre als Schauplatz politischer Auseinandersetzungen?

Die Lehre als Schauplatz politischer Auseinandersetzungen?   
Wie ideologiefrei die Uni eigentlich sein muss. 
 
Unter dem Titel „Die Lehre als Schauplatz politischer Auseinandersetzungen? Wie ideologiefrei die Uni eigentlich sein muss“ nahm der AStA an der TU-Veranstaltung „Tag der Lehre: TUB2040 – Campus der Zukunft“ am 04. Dezember 2017 teil. In 30 fünfminütigen Kurz-Inputs konnten die Vortragenden, zusammen gesetzt aus den verschiedensten Bereichen der Hochschule, dort ihre Vision für Lehre und Universität im Jahr 2040 vorstellen.
Nach gut zwei Drittel der Vorträge bat der hochschulpolitische Referent des AStA, Gabriel Tiedje, um eine Zwischenbemerkung und stellte konstatiert fest, dass es sich bei dem Großteil der vorgestellten Ideen weniger um Visionen denn viel mehr um Dystopien der Selbstoptimierung mithilfe „smarter“ Techniken handele. „Mit Blick auf die vorgestellten Ideen bin ich sehr froh heute zu studieren und nicht im Jahr 2040“, so Tiedje.
Unser Beitrag ging in eine andere Richtung. Für die Veröffentlichung wurde der Text redaktionell geändert.
„Um eine Vision für das Jahr 2040 zu entwickeln, wollen wir den Blick auf das Hier und Jetzt richten. Wir müssen den Blick auch auf das lenken, was außerhalb dieser Universitätsmauern geschieht. Dazu braucht es auch einen Blick, der die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl streift – leider, denn drei gewisse weiße Buchstaben auf blauem Grund würden wir gern ausblenden. Sie sind aber Realität. Wir müssen den Blick auch auf das richten, was auf der »Straße« geschieht, das, was gemeinhin als gesellschaftlicher „Rechtsruck“ bezeichnet wird. Außerdem ein Blick auf Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaften und fehlende Lösungen – aber auch der fehlende Wille! - für so etwas wie soziale und globale Gerechtigkeit. Und eigentlich noch ein Blick auf das globale Klima. Der Klimawandel wartet nämlich nicht, bis wir unsere Bachelor- und Masterabschlüsse haben. In Anbetracht der gebotenen Kürze des Vortrags gilt es sich an dieser Stelle einzuschränken.
Verstehen wir Ideologie als das was es wörtlich heißt, nämlich Ideen-Lehre, sind wir zumindest begrifflich sehr nah an dem dran, um was es bei dieser Veranstaltung geht. Es gibt verschiedenste Definitionen für den Ideologie-Begriff. Was viele von ihnen gemeinsam haben, ist ein die Annahme von einem Blick in die Gesellschaft und welche Ideen und Normen in ihr vorherrschen. Ideologie ist ein nicht positiv zu besetzender Begriff. Im Wissenschaftsbetrieb wird ideologisch oft gleichgesetzt mit fehlender Objektivität, Voreingenommenheit und einem beschränkten Blick. Da ist etwas dran. Die Erkenntnis, dass aber selbst angenommene Objektivität nicht ideologiefrei ist, ist allerdings nicht neu und ist vor allem an den Universitäten seit vielen Jahrzehnten Schauplatz von Diskussionen und Auseinandersetzungen.  
Wir meinen: Die Ideologie der Ideologiefreiheit ist kein Thema für die Lehre2040.  
Diese Lehre schaut ganz genau auf das, was um sie herum passiert und wo sie selbst steht. Sie erkennt ihr institutionelle Verantwortung an, auch um sich selbst zu schützen. Zum Beispiel – und das ist wirklich nur ein Beispiel – gegen eine Partei, die – es folgen Zitate aus einem Parteiprogramm – „das Ethos der Unvoreingenommenheit“ hochhält und die Uni bereinigen möchte von „ideologischen Zwängen.“ Eine Lehre, die so etwas von sich behauptet, ist keine Lehre. 
 
Das gilt insbesondere – um hier einen gedanklichen Sprung zu machen – für die Wirtschaftswissenschaften, die das Credo dessen, was heute oft als Neoliberalismus bezeichnet wird, hinter sich lassen müssen. Der Glaube vom stetigen Wachstum hat schon längst zur Krise im Dauerzustand geführt.  
Muss uns Lehre nicht viel mehr dazu dienen, weltweite Ungleichheiten, Naturzerstörung und Ausbeutungsverhältnisse zu mindern? Wirtschafts- und auch Ingenieurswissenschaften müssen neue Techniken entwickeln, die nicht mehr auf Ausbeutung von Mensch und Natur fußen. Eine Ausbeutung die deshalb so gut funktioniert, weil die Kosten unseres Wohlstands in andere Weltregionen ausgelagert werden, für uns unsichtbar sind und die Millionen von Menschen und Tieren des Leben oder ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Eine Universität von morgen muss sich auch mit alternativen Wirtschaftsmodellen, z.B. Ideen zum Postwachstum, Gemeingüter und dem Verhältnis von Lohn- und Reproduktionsarbeit, auseinander setzen.  
Eine Lehre, heute eingeengt durch Bologna, muss eigentlich mehr leisten, als Studierende durch ihr Fachstudium zu führen. Sie muss den mehrheitlich jungen Menschen Werkzeuge in die Hand geben, mit denen sie ihr eigenes Handeln im gesellschaftlichen Kontext besser verstehen lernen, um eigenverantwortlich, und noch viel wichtiger: um gesellschaftlich verantwortlich handeln zu können. Man mag das hier als Plädoyer für mehr Sozialwissenschaften in allen Disziplinen verstehen. 
Um den Vortrag zu begleiten, wurde darum gebeten ein Objekt zur Visualisierung vorzustellen. Wir haben keines mitgebracht, hatten aber einen – zugegebenermaßen längst abgegriffenen – Gedanken. Der des Elfenbeinturms, in dem viele die universitäre Lehre sehen: hoch oben, getrennt von der Gesellschaft, glänzend, unfehlbar. Dabei stießen wir aber auf Probleme; einerseits ein organisatorisches: denn so es stellte sich als schwierig heraus, an das gewünschte Material ran zukommen. Anderseits bereitete die phallische Form Sorgen. Aber auch die Farbe dieses Turms. Was uns zu mindestens zwei weiteren Themen für Ideen für die Lehre der Zukunft bringt.“
  
Veranstaltungsplakat (pdf): http://www.tu-berlin.de/fileadmin/fg14/QPL/Tag_der_Lehre/2017/TUB2040_Pr...