Viele neue Studis – unbezahlte Mehrarbeit für Tutor*innen?

Die TU Berlin hat immer größere Schwierigkeiten, ihre Tutor*innen-Stellen angemessen zu besetzen. Denn dem Zuwachs bei den Studienanfänger*innen steht ein Rückgang der Attraktivität von studentischen Arbeitsverhältnissen gegenüber.

Besonders betroffen ist die Mathematik: In Analysis I für Ingenieurwissenschaften müssen 30 Tutor*innen über 3000 Studierende betreuen. Um eine angemessene Zahl von Tutoriumsterminen anzubieten, hat die Institutsleitung kurzerhand das Arbeitspensum der studentischen Beschäftigten angehoben. Für eine Tutorin mit 60-Stunden-Vertrag bedeutet das beispielsweise, dass sie vier statt wie bisher drei Tutorien pro Woche durchzuführen hat. Zusammen mit Sprechstunden, Tutoriumsvorbereitung und Hausaufgabenkorrektur ergibt das schnell 70 bis 80 Stunden Arbeit pro Monat. Die Mehrarbeit ist im Vorfeld weder mit dem Personalrat abgesprochen worden noch wird sie zusätzlich bezahlt. Gute Arbeit als Tutor*in wird so sehr schwer vereinbar mit eigenem Studium, Familie, ehrenamtlichem Engagement oder anderen Jobs. Auch die Qualität der Lehre leidet: Individuelle Hilfestellung ist bei über 100 Studierenden pro Tutor*in kaum noch möglich.

Wie kommt es dazu? Vonseiten des Mathematik-Instituts heißt es, man habe deutlich weniger Leute für Tutor*innen-Stellen gewinnen können als in den Vorjahren. Auch andere Fächer sind mit einer Tutor*innen-Unterdeckung ins Semester gestartet. Ausschreibungen müssen aufgrund mangelnder Bewerbungen vielfach verlängert werden. Das ist aber alles keine Überraschung, wenn man als Uni 12 Jahre nicht den Lohn erhöht, während die Lebenserhaltungskosten in Berlin rasant steigen und tausende Unternehmen in die Stadt ziehen oder hier gegründet werden, die bereit sind, technische Studis deutlich besser zu entlohnen.

Unbezahlte Mehrarbeit senkt die Attraktivität von Tutor*innen-Jobs weiter. Schlechte Betreuungsrelationen verursachen mehr Wiederholer*innen und somit nächstes Jahr noch mehr zu betreuende Studierende. Das Problem wird sich also verschärfen, wenn nicht entschieden gegengesteuert wird. Andernfalls droht das bewährte Berliner Tutor*innen-Modell aus falscher Sparsamkeit zusammenzubrechen.

Das Kuratorium hat die TU-Leitung darum wiederholt aufgefordert, die Beschäftigungsverhältnisse für studentisches Personal zu verbessern, zuletzt im März 2015 – einstimmig! Zumindest § 10 (4) TVStud solle zur Anwendung gebracht werden. Dieser lässt bis zu 50 Prozent Lohnerhöhung zu, wenn Stellen sonst schwer zu besetzen sind. Doch seitdem ist wieder ein halbes Jahr ohne Fortschritt verstrichen.

Dafür haben sich im Laufe des halben Jahres immer mehr studentische Beschäftigte gefunden, die Druck machen wollen für einen neuen Tarifvertrag. Ihr nächstes Treffen ist am 28.10.2015 um 16 Uhr im AStA. Hoffentlich lässt sich so etwas bewegen. Es würde allen Studierenden der TU Berlin zugute kommen.

Übrigens: Wenn ihr als studentische Hilfskräfte von Verschlechterungen eurer Arbeitssituation betroffen seid, wendet euch an die gewerkschaftliche Beratung im AStA oder an den Personalrat der studentischen Beschäftigten!