Semesterticket-Diskussion (AStA-Info #28)

Aus dem AStA-Info #28 findet ihr hier einen Überblicksartikel zur neuen Immatrikulations-Bescheinigungspflicht beim Semesterticket und zwei Studi-Kommentare zur VBB-Maßnahme. (Stand der Informationen: 15. März 2015)

#Imma dabei: Doppelt hält besser

Die Papier-Immatrikulations-Bescheinigung gehört Ab April 2015 zu einem gültigen Semesterticket. Das soll Tricksereien mit übertragenen Semestertickets verhindern, macht aber auch allen anderen Studis das Leben schwerer. Text: Bella March

Für viele wird das ein nerviger Start ins neue Semester: Ab dem 1. April 2015 akzeptieren Kontrolleur*innen in Bus und Bahn TU-Studierendenausweise mit Semesterticket-Aufklebern nur noch in Verbindung mit einer Immatrikulations-Bescheinigung. Denn dann gilt der neue Semesterticket-Vertrag zwischen der TU-Studierendenschaft und dem Verkehrsverbund Berlin Brandenburg (VBB). BVG und Bahn möchten durch die neuen Kontrollen die Sicherheit der Tickets steigern. Doch ist auch Frust und Chaos vorprogrammiert.

Wird ein*e Student*in in einer Kontrolle ohne aktuelle Imma-Bescheinigung angetroffen, winkt ein erhöhtes Beförderungsentgelt von 40 Euro, in Kürze vielleicht auch 60 Euro. Meist lässt sich dieses dank § 9 (3) der VBB-Beförderungsbedingungen mit etwas Nerv auf 7 Euro reduzieren. Wirklich fahrscheinlos können TU-Studierende eh nicht fahren: Die Studierendenschaft hat sich im November 2014 mit einer 95,14%-igen Zustimmung zu einem solidarisch finanzierten Semesterticket Berlin ABC in den nächsten drei Jahren entschieden. Für rund 185 Euro pro Person und Semester erwerben wir mit unserer Immatrikulation beziehungsweise Rückmeldung an der TU Berlin bequem auch unsere Fahrtberechtigung im Tarifgebiet Berlin ABC. Das ist gut für die Umwelt, gut für die Parkplatzsituation um die Uni, gut für die Studi-Geldbeutel und auch gut für das Standing von BVG und S-Bahn unter jungen Akademiker*innen.

Also warum wollen die Nahverkehrsunternehmen zahlende Kund*innen, die fälschlich annehmen, dass ihr Semesterticket auch ohne Imma-Bescheinigung gilt, als Schwarzfahrer*innen definieren? Der VBB möchte durch die Immatrikulations-Bescheinigungs-Pflicht den Ticket-Weiterverkauf erschweren. In den letzten Jahren waren vereinzelt Ticket-Aufkleber online gehandelt worden. Da Semestertickets nicht übertragen werden dürfen – erst recht nicht an ehemalige Studierende, die noch einen Studi-Ausweis behalten haben – sah der VBB hier Handlungsbedarf.

Der AStA hält die neue Auflage für nur begrenzt sinnvoll: Wenn der VBB die Übertragbarkeit der Semesterticket-Aufkleber einschränken will, warum werden dann nicht einfach die Sticker vor der Verschickung personalisiert? Zum Beispiel könnte man die letzten zwei Ziffern der Matrikelnummer aufdrucken oder Ähnliches. Das würde über 32.000 Studierenden und Kontrolleur*innen einiges ersparen. Stattdessen werden TU-Studis sich hundertfach bei Kontrollen schikaniert fühlen. Und hundertfach werden Kontrolleur*innen sich behindert sehen von grimmigen TU-Studis, die erst nach mehreren Aufforderungen Studi-Ausweis und Imma-Bescheinigung herauskramen.

Der AStA möchte, dass alle Studierenden rechtzeitig von der Immatri­kulations-Bescheinigungs-Pflicht erfahren und dieser bequem nachkommen können. Leider macht der „Studierendenservice“ der TU-Verwaltung seinem Namen hier keine Ehre. So hatte der AStA vorgeschlagen, dass für eine halbwegs bequeme Lösung auf den Studi-Ausweis aufklebbare Immatrikukations-Bescheinigungen mit den Rückmeldeunterlagen verschickt werden. Für die TU-Verwaltung war es jedoch zu kurzfristig, das in einem halben Jahr umzusetzen. Dabei wollten TU-Verwaltung und VBB die Imma-Bescheinigungen ursprünglich sogar schon zum Wintersemester 2014/15 in die Beförderungsbedingungen aufnehmen, bis der AStA sie davon abhielt! Auch schätzt die Verwaltung einen Info-Brief zu den Neuerungen als unnötig und zu teuer ein, eine E-Mail muss reichen. Darf man solch eine Selbstverständlichkeit nicht eigentlich erwarten angesichts von 50 Euro semesterweise erhobenen Rückmelde-Verwaltungsgebühren?

Bisher läuft die Einführung der Imma-Bescheinigungs-Pflicht insgesamt etwas suboptimal. Man darf gespannt sein, wie sich Fahrscheine und Studiausweise in den nächsten Jahren weiter entwickeln. Bis dahin: Denkt an eure Imma-Bescheinigungen und erinnert auch eure Kommiliton*innen daran!

Aktuelle Infos stehen auf https://asta.tu-berlin.de/semtix2015.

# Kommentar 1

Dit war zu offensichtlich, werte Freund*innen!

Semesterticket-Aufkleber wurden online gehandelt... Kein Wunder, dass der VBB sich da verschaukelt vorkommt und Betrug verhindern will. Kommentator*in der Redaktion bekannt

So, nun ist es passiert. Um das Semesterticket nutzen zu können, reicht es nicht mehr aus, zu Semesterbeginn den neunen Sticker auf den Studierendenausweis zu kleben.

Es ist Schluß mit lustig! Der VBB, beziehungsweise die BVG und die Berliner S-Bahn, vertrauen nicht mehr darauf, dass Leute mit Ausweis und Semesterticket-Sticker zahlende Kund*innen sind. Man will auch die Imma-Bescheinigungen sehen. Denn der VBB fühlt sich seit Jahren durch TU-Studierende betrogen.

Wo lag das Problem mit dem Nur-Sticker-System? Tja, wer sich in der Popkultur zwischen Polit-Thriller und Groschenroman auskennt, weiß bestimmt: Ziemlich jedes System hat den einen Schwachpunkt, der schadhaft ausgenutzt werden kann.

Ich erkläre jetzt nicht, wie Nicht-(mehr-)-Studierende an scheinbar echte TU-Studi-Ausweise kommen können. Nur so viel: Sie sind dazu auf die Mithilfe von TU-Studierenden angewiesen, die ihnen Semesterticket-Aufkleber beschaffen.

Vermutlich geschah das vor allem im Stillen. Häufig hingen aber auch Suche-Biete-Zettelchen an schwarzen Brettern. Besonders geschickt ist es natürlich, eine sehr bekannte online-Auktionsplattform zu nutzen und der ganzen WWWelt mitzuteilen, dass man einen Semesterticket-Sticker verkaufen möchte. Bescheidene Händler*innen haben sich mit nem Hunni nen schönen Abend gemacht. Teilweise ging das Einstiegsgebot dann aber auch bei der kompletten Rückmeldegebühr los.

Theoretisch kannst du natürlich mit deinem Aufkleber machen, was du willst. Er gehört dir. Auch wenn das bekloppt ist, kannst du ihn ganz legal an die Windschutzscheibe vom SUV packen, einer Freundin ins Poesiealbum kleben oder Leuten verticken, die sowas vorhaben. Erst wenn ein*e Nicht-Studierende*r mit deinem Sticker einen Studiausweis fälscht und in einer Ausweis- oder Fahrscheinkontrolle ertappt wird, interessiert das die Betrugsabteilung der Polizei.

Spätestens der Online-Ticket-Handel gab dem VBB das Gefühl, dass Leute hier das Ticketsystem zu dreist hacken. Das Verlangen nach Immatrikulations-Bescheinigungen soll die Schwachstelle beheben. Das ist verständlich. Nur: Ganz sicher hat auch das neue System eine Lücke...

#Kommentar 2

Übertriebene Maßnahme

Die Imma-Pflicht ist überzogen und wird die Falschen treffen. Kommentator*in der Redaktion bekannt

Seit der Einführung des Semestertickets in Kombination mit einem Studierendenausweis an der TU Berlin gibt es das Phänomen, dass einzelne Personen, die das Ticket nicht benötigen, dieses zum freien Verkauf anbieten. Das geht natürlich am System eines Solidarmodells vorbei. Der VBB moniert Einnahmeverluste durch nichtverkaufte Einzelfahrausweise und Umwelttickets.

Wir reden hier allerdings von wenigen Dutzend Fällen im Semester. Die Lösung kann nicht heißen, dass den mehr als 30.000 Studis der TU Berlin bei Kontrollen ab sofort unterstellt wird, dass sie doch keine immatrikulierten Studierenden wären. Hier wird unverhältnismäßig und übertrieben agiert.

Bei den derzeit durchgeführten Fahrscheinkontrollen fällt auf, dass es den Kontrollettis sehr oft reicht, nur einen kurzen Blick auf den Studierendenausweis zu werfen, um daraufhin weiterzugehen. Es ist davon auszugehen, dass bei Fahrscheinkontrollen auch in Zukunft nicht permanent nach der Immatrikulationsbescheinigung gefragt wird. Vielmehr ist zu vermuten, dass Kontrollettis nach eigenem Ermessen das Vorzeigen der Imma-Bescheinigung einfordern: vor allem bei Leuten, die in ihren Augen zu ausländisch, zu alt oder zu unterschichtig für ein Studium aussehen. Und ab und zu wird dann halt jemand aus Versehen ohne Imma-Bescheinigung unterwegs sein. Endlich ein Schikane-Opfer!

Der alltägliche Rassismus und Lookismus von der Mitte der Gesellschaft erhält hier ein weiteres Instrument. Die Imma-Schikanen werden ganz stumpf die Falschen erwischen.

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